EFC Jahreskonferenz tagt in Sarajevo

Es war reiner Zufall, daß das European Foundation Centre (EFC), ein Zusammenschluß großer, international tätiger Stiftungen aus ganz Europa, ausgerechnet am 9. November 1989 gegründet wurde. Aber dieser Zufall wurde schnell zur Selbstverpflichtung: Von Anfang an wurde versucht, Mittel- und Osteuropa nicht nur in den Blick zu nehmen, sondern aktiv einzubeziehen. In den letzten Jahren ist daraus unter der Ägide des dynamischen Generalsekretärs Gerry Salole mehr geworden: ein Bekenntnis zu einer starken europäischen Zivilgesellschaft und zu einem Engagement der Stiftungen für sozialen Wandel. In diesem Jahr tagte man vom 15. – 17. Mai in Sarajevo, auch, um 100 Jahre nach den Schüssen, die den 1. Weltkrieg auslösten, ein Zeichen der gemeinsamen Erinnerung an den europäischen Bürgerkrieg zu setzen. Aber die Begründung für diese Wahl ging weiter: 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war auch daran zu erinnern – und an das unvorstellbare Leid, das Bosnien und andere Teile des früheren Jugoslawien in der Zeit danach erdulden mußten, als viele im „Westen“ glaubten, nach dem Sieg über den Kommunismus sei die Geschichte eigentlich vollendet, ein goldes Zeitalter breche nun an. All diese Optimisten mußten lernen, daß dies nicht stimmte. Bis heute sind die Wunden des Krieges auf dem Balkan nicht verheilt. Nach einer Flugstunde landet man, von München kommend, in einer anderen Welt, freilich auch kulturell: Minarette beherrschen das Stadtbild, aber auch orthodoxe und katholische Kirchtürme; k.u.k. Architektur und sozialistische Wohnsidelungen treten hinzu.

Dennoch war man wieder optimistisch, obwohl der Kongreß von schweren Unwettern überschattet war. Der Optimismus gründete sich aber nicht auf den Sieg einer Partei über eine andere, sondern darauf, daß eine starke Zivilgesellschaft herangewachsen ist, in der viel gestritten wird, in der keinesfalls alle mit allem einverstanden sein können, die aber selbstbewußt die kleinliche, altmodische Politik der Nationalstaaten in die Schranken weist. Dies gilt für Bosnien und Herzogovina, wo die Politik zwar versagt, aber die Menschen miteinander ihr Land aufbauen; dies gilt für ganz Europa, wo zivilgesellschaftliche Akteure, die noch vor wenigen Jahren kein Wort gewechselt hätten, miteinander überlegen, was sie miteinander tun können, um das europäische Projekt voranzubringen, einen sozialen Wandel einzuleiten und mehr Gerechtigkeit nicht nur einzufordern, sondern auch bei der Umsetzung zu helfen. Aktivisten aus Istanbul, Zagreb und Porto berichteten den Stiftungen über Bedingungen und Chancen von Protest und alternativen Konzepten in Städten, und diese hörten aufmerksam zu. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine und Vertreter afrikanischer Bürgerrechts-bewegungen tauschten ihre Erfahrungen aus, und allen Zuhörern wurde deutlich, wie weit die „Weltgesellschaft“ schon ist, und wie hoffnungslos hinter der Zeit Regierungen agieren, die um der eigenen Macht willen immer noch glauben, Theorie und Praxis des Nationalstaates verteidigen zu müssen, von Populisten ganz zu schweigen, die, leider nicht immer erfolglos, den Menschen einreden wollen, Nationalismus sei eine vorteilhafte Option.

Eine Gruppe von großen Stiftungen präsentierte ein Arbeitspapier zu den strategischen Optionen für Europas Zukunft (www.newpactforeurope.eu). Aber es gab auch konkretes: Das EFC hat schon vor langem den Entwurf eines europäischen Stiftungsstatuts vorgelegt. Ob sich die Erwartung erfüllen wird, daß daraus europäisches Recht wird, hängt wie so oft in der EU von den nationalen Interessen ab, die das Handeln des  Rats der EU bestimmen. Darüber wurde in Sarajevo gesprochen. Vorgestellt wurde eine gerade gemeinsam mit dem Netzwerk Transnational Giving Europe erstellte Studie zu den Möglichkeiten und Grenzen des Spendens über nationale Grenzen hinweg. Detaillierte Länderberichte im Netz ergänzen den gedruckten Text (www.transnationalgiving.eu).

Noch wichtiger war bei diesem Kongreß etwas anderes: Ein besonderes ‚Next Generation Programme’ lud junge Stiftungsmitarbeiter ein. Und in der Tat: Während früher vor allem ältere Vorstände und Geschäftsführer die größte Teilnehmergruppe bildeten, ist die Zusammensetzung jetzt deutlich jünger geworden – und damit auch der Stil der Arbeitssitzungen. Lebendige neue Formate und eine fröhliche und zugleich konzentrierte Stimmung dienten der Netzwerkbildung ebenso wie dem Erkenntnisgewinn. Kommerzielle Anbieter waren ebensowenig zugelassen wie Geldsucher. Es ging um Themen und nur darum. Es ging um Selbstkritik („Are Foundations Making Enough of a Difference?) und um aktuelle Fragen über Diskriminierung, Inklusion, Korruption oder Jugendarbeitslosigkeit. Es ging um Politik („Rethinking Europe“ war das Generalthema) und natürlich auch um Zusammenarbeit. Akteure der Zivilgesellschaft aus Bosnien und der Ukraine kamen ausführlich zu Wort.

Am Ende des Kongresses stellte sich die neue Vorsitzende des EFC den Teilnehmenden vor: Ewa Kulik-Bielinska, Leiterin der Stefan-Batory-Stiftung in Warschau, erstmals eine Frau und erstmals eine Persönlichkeit aus einem Land Mittel- und Osteuropas. Pier-Mario Vello, Generalsekretär der Cariplo-Stiftung lud zum nächsten Kongreß, der im Mai 2015 im Rahmen der Weltausstellung in Mailand stattfinden wird – nicht ohne Grund, denn diese will einen besonderen Akzent auf die Zivilgesellschaft legen.  

Aus dem noch immer vom Bürgerkrieg gezeichneten und durch die heftigen Gewitter erneut schwer geprüften Sarajewo blieb noch ein Eindruck zurück: eine perfekte und mit großer Liebenswürdigkeit agierende örtliche Organisation, die auch Gespräche mit Aktivisten aus dem Land ermöglichte, sei es in einer zutiefst beeindruckenden Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von 1995 in Srebenica – der geplante Besuch in Srebenica selbst entfiel wegen des Hochwassers – , sei es im abendlichen Gespräch mit Aktivisten, die von der Normalisierung der Kontakte zwischen der Bürgerinnen und Bürgern berichteten, gegen die von politischen Kliquen nach wie vor geschürten Feindseligkeiten. Wenn nach dem Hochwasser die Medien erstaunt von der grenzüberschreitenden Hilfsbereitschaft der Menschen berichten, so kann das die, die zugehört haben, nicht mehr überraschen.   

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