Zivilgesellschaft im Fokus: der Bürgerverein Finkenkrug

Der Bürgerverein Finkenkrug

von Felicitas von Wietersheim

 

Finkenkrug ist ein Stadtteil Falkensees mit ca. 8.500 Einwohnern. Das Örtchen liegt an der Bahnstrecke nach Berlin im Speckgürtel der Hauptstadt und ist ein beliebtes Domizil für Familien. Hier treffen Jung und Alt, Ost und West täglich aufeinander.

Vor etwa dreihundert Jahren findet sich eine erste Erwähnung Finkenkrugs im Kirchenbuch von Falkenhagen. Wie Richard Wagner in „Finkenkrug in seinem Jahrhundert“ schreibt, wird im Zusammenhang mit einer Taufe ein Teerofen im königlichen Forst erwähnt, der den Namen „Finkenkrug“ trug. Der Schriftsteller Theodor Fontane beschrieb den „Neuen Finkenkrug“, eine Schankwirtschaft im Bredower Forst jenseits der Stadtgrenzen Berlins, in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Sonderzüge brachten die Erholung Suchenden vom Lehrter Bahnhof ins Nirgendwo: Die Züge hielten mitten in der Landschaft, einen Bahnhof gab es zu Fontanes Zeiten – um 1860 – noch nicht.

Vor 120 Jahren erhielt der Kaufmann und Weinhändler Bernhard Ehlers die Genehmigung zum Bau einer Villenkolonie. Auf einer Fläche von 90 Hektar entstand die Kolonie Neu-Finkenkrug. „Bauherren waren Offiziere, Beamte und Fabrikdirektoren“, weiß Wagner. Der Ort hatte Kirche, Weiher, Schule. Ehlers verkaufte eine Fläche von 657 Hektar weiter an die Deutsche Ansiedlungsbank zur weiteren Kolonisierung. Der Ort erblühte in den Goldenen Zwanzigern, wuchs in den 1930ern, erhielt wenigstens seine zum Teil einzigartige bauliche Substanz in der DDR und wuchs insbesondere nach der Wende kräftig. Das veränderte die Bevölkerungsstruktur erheblich und so manche Ortsteile erlebten einen starken Wechsel der Einwohnerschaft.

Mit dem neu erwachten Interesse und schnellen, im Nachhinein oft übereilt wirkenden baulichen Entscheidungen kam manches, das den einzigartigen Charakter des Örtchens ausmachte, unter die Räder, darunter der 1891 gebaute Bahnhof aus Fachwerk. Dies gab den Anstoß für einige Zuzügler, einen Verein zu gründen, der zunächst vornehmlich die Erhaltung der baulichen Substanz Finkenkrugs im Sinn hatte.

Im September 2000 fand die Gründungssitzung des Bürgerverein Finkenkrug statt. Um einen Esstisch versammelten sich sieben Finkenkruger, die sich für Finkenkrug engagieren wollten. Der eigentliche Startschuss fand aber mit der ersten Mitgliederversammlung des Bürgervereins Finkenkrug am 17. Oktober 2000 statt. Fast 100 Finkenkruger folgten der Einladung der Gründungsmitglieder und die Gaststätte ‚Neuer Finkenkrug’ kam an die Grenzen ihres Fassungsvermögens. Als 1. Vorsitzender leitete Ludger Ramme die Versammlung und erläuterte die Ziele des Vereins. „Der Zweck des Vereins ist die Pflege, der Erhalt und der Ausbau des Ortsteil Finkenkrug unter besonderer Beachtung der geschichtlichen, kulturellen und denkmalgerechten Behandlung der alten Siedlung Kolonie Finkenkrug um 1899.“ Ein weiteres Ziel war und ist das Zusammenwachsen der Alt- und Neubürger zu fördern.

Es wurden Arbeitsgruppen für die Bereiche S-Bahn/Regionalbahn, Standort Neues Gymnasium, Stadtplanerische Ausgestaltung des Ortskernes, Geschichte Finkenkrugs und Grünanlagen, Beleuchtung, Straßenschilder gegründet.

 

Bahn-AG

Die Bahn-AG setzt sich ein für einen besseren Regionalbahnverkehr von und nach Finkenkrug. Um ihrer Stimme mehr Gewicht zu verleihen, arbeitet sie dabei im Aktionsbündnis PRO Regionalverkehr Osthavelland mit anderen Initiativen und betroffenen Pendlern aus Brieselang, Falkensee, Seegefeld und Berlin-Spandau zusammen. Das Ziel ist es, den Pendlern mit der Regionalbahn ein schnelles und zuverlässiges Fahren im Halbstundentakt nach und von Berlin zu ermöglichen.

 

AG Neues Gymnasium

Die AG Neues Gymnasium löste sich nach der Einweihung des Marie-Curie-Gymnasiums in Dallgow im Jahr 2005 auf. Bis dahin hatte sich der Verein vor allem um die Verkehrsanbindungen und die Fahrradwege für die Kinder gekümmert. Dies ist auch ersichtlich geworden in einem Verkehrskonzept für Finkenkrug, das der Bürgerverein Finkenkrug im Jahr 2002 abgegeben hat.

 

Gestaltung des öffentlichen Raumes

Die Verkehrsplanung ist immer wieder ein Thema, das den Verein beschäftigt. Art und Weise des Ausbau der Straßen sorgen für häufigen Unmut. Der alte Ortskern ist geprägt von Kopfsteinpflasterstraßen. An den Straßenecken befinden sich zum Teil noch die alten, schmiedeeisernen Straßenschilder. An nicht nachvollziehbaren Stellen gibt es geteerte Teilabschnitte und die Brandenburger Sandstraßen sind auch noch reichlich vorhanden. Für den Bürgerverein Finkenkrug gehören die alten Kopfsteinpflasterstraßen einerseits zum historischen Erscheinungsbild, andererseits muss man auch dem neuen Verkehrsaufkommen gerecht werden.

Bei den städtischen Baumaßnahmen im Straßenraum vermissen die Mitglieder charakteristische Merkmale, die einen Wiedererkennungswert haben und den historischen Charakter aufgreifen, ohne gleich die ganze Straße mit Katzenaugen zu pflastern. Mal ein Bordstein, mal keiner, mal ein Abschlussstein, mal auslaufender Teer, mal roter Verbundstein, mal grauer Verbundstein, mal Granit. Das einzige Element, das sich bis zur Anwohnerstraße durchgesetzt hat, ist die Peitschenlampe. Schon 2001 hatte sich der Bürgerverein um kostengünstige Schinkellampen gekümmert. Da er bei öffentlichen Diskussionen jedoch feststellte, dass die Schinkellampe nicht konsensfähig war, hatte der Bürgerverein in jüngster Vergangenheit (2007/2008) gemeinsam mit den Anwohnern einer auszubauenden Straße und Vertretern der Stadt einen anderen Lampentyp gefunden, der dem Ortscharakter gerecht geworden wäre und ausreichend Licht abgeworfen hätte. Die Mehrkosten hielten sich in Grenzen und wären von den Anwohnern finanziert worden. Aus nicht eindeutig nachvollziehbaren Gründen stehen jetzt in der Ringstraße erneut die Peitschenlampen.

 

Initiative für den Erhalt des alten Baumbestandes

Neben der historischen Bausubstanz sind die alten Bäume prägend für ganz Falkensee und damit auch für Finkenkrug. Gemeinsam mit anderen Initiativen versucht der Bürgerverein Finkenkrug sowohl die Stadt als auch die Bürger daran zu erinnern, den alten Baumbestand zu bewahren. Nicht immer müssen die Bäume gefällt werden, wenn ein Radweg gebaut werden soll. Nicht immer muss ein Grundstück von allen Bäumen befreit werden, um im Baufenster ein Haus zu bauen.

 

Öffentliche Diskussionen

In der Vergangenheit gab es mehrere Situationen, in denen der einzelne Bürger Finkenkrugs das Gefühl von Ohnmacht gegenüber der Stadt Falkensee verspürte. Diskussionsrunden zum Thema Regionalverkehr, Baumpflege und –bestand, Gestaltungssatzung und Demonstrationen an Orten, an denen ortsfremde Bebauung vorgesehen waren, sind einige Beispiele, in denen der Bürgerverein Finkenkrug die Interessen der Bürger formuliert und öffentlich wahrnehmbar gemacht hat. In der Folge fanden häufig konstruktive Gespräche mit der Stadtverwaltung statt. Der Bürgerverein Finkenkrug übernahm jeweils die Rolle des Vermittlers. Mit den Veranstaltungen „Forum Finkenkrug “ und „Reden wir über …“ sind Veranstaltungsreihen entstanden, die den Bürgern Raum für die Artikulation ihrer Interessen gaben.

Zudem fanden in den vergangenen Jahren mehrere Diskussionen zum Thema Regionalverkehr statt. Vertreter aus der Politik und von der Bahn waren Gäste. Vor der Bürgermeisterwahl im Jahr 2001 und 2006 lud der Verein zu einer Befragung der Kandidaten ein. Alle Bewerber für das Amt des Falkenseer Bürgermeisters stellten sich den Fragen. Zwei weitere Podiumsdiskussionen behandelten das Thema der Baumfällungen und Rodungen in Falkensee. Bei der Diskussion am 19. März 2007 waren der Brandenburger Minister für Ländliche Entwicklung, Umweltschutz und Verbraucherschutz Dr. Dietmar Woidke und Abgeordnete des Brandenburger Landtages sowie Vertreter der Stadt und des Forstes zu Gast.

 

Straßenfest und Weihnachtsmarkt

Bei allen sachlichen Kontroversen und Diskussionen möchte der Bürgerverein Finkenkrug jedoch auch seinen Anteil dazu beitragen, dass das Zusammenwachsen von Alt- und Neubürgern gelingt und dass das Zusammenleben von Alt und Jung in Finkenkrug harmonisch ist. Seit 2001 organisiert der Bürgerverein ein Sommerfest. Im Jahr 2002 hat der Bürgerverein gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde Neufinkenkrug den ersten Finkenkruger Weihnachtsmarkt veranstaltet. Beide Ereignisse sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Finkenkruger Kalenders.

 

Abenteuer Spielplatz 'Feuri'

Im September 2006 wurde die Elterninitiative ‚Spielplatz für Finkenkrug’ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Stadt wurde in den nächsten Monaten ein Spielplatz geplant und gebaut. Nach vielen Arbeitseinsätzen im Sommer konnte im Oktober 2007 der erste Bauabschnitt eröffnet werden und mittlerweile ist der Spielplatz vollständig in Betrieb. Am Waldrand gelegen mit vielen naturnahen Spielgeräten und Klettergerüsten ist der Spielplatz ein Treffpunkt für Jung und Alt geworden.

 

Freizeitangebot für Jugendliche

Der Wunsch neben städtischen  Sportplätzen einen öffentlich zugänglichen Bolzplatz zu bekommen, ist ebenfalls in Erfüllung gegangen. Über Jahre hatte sich der Bürgerverein dafür engagiert. Mit dem Kauf eines Grundstücks am Bahnhof Finkenkrug durch die Stadt Falkensee konnte das Projekt im Sommer 2009 in Angriff genommen werden. In Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Bürgerverein Finkenkrug und der Finkenkruger Jugend wurde der Bolzplatz geplant und gebaut und im September 2011 eingeweiht. Den Jugendlichen steht jetzt ein Platz mit Fußball-, Basketball-, Beach-Volleyballplatz, Tischtennisplatten und "Chill-Ecke" zur Verfügung, den sie frei nutzen können. 

 

Mitglieder des Bürgervereins

Ende 2014 hatte der Bürgerverein Finkenkrug 362 Mitglieder, 222 Erwachsene und 140 Kinder. Bis auf ein Gründungsmitglied, das mittlerweile wieder in Berlin lebt, sind alle Gründungsmitglieder noch immer Mitglieder des Vereins. Jeder bringt sein Wissen und seine Zeit ehrenamtlich ein.

 

Bürgerhaus Finkenkrug

Seit 2003 ist der Verein Mieter des Bürgerhauses Finkenkrug in der Feuerbachstraße 23 in Falkensee – Finkenkrug. Die Stadt ist die Eigentümerin des Hauses. Mit diesem Haus, das der Verein im Wesentlichen durch Eigenleistung saniert hat, hat er die Möglichkeit, unter der Woche Kurse anzubieten und abends Kulturveranstaltungen durchzuführen. Seit der Eröffnung des Betriebes vom Bürgerhaus im Sommer 2005 fand fast monatlich ein Kulturabend statt. Für die Vereinsmitglieder bietet das Haus auch die Möglichkeit, sich für Besprechungen zu treffen. 

Die Idee des Vereins war es, an zentraler Stelle eine Begegnungsstätte für alte und neue Finkenkruger und ihre Freunde zu schaffen - angesichts der maroden Bausubstanz ein anspruchsvolles Vorhaben. Zu schaffen war das nur mit viel Idealismus, körperlichem Einsatz und materieller Unterstützung. Da das Haus mehr einer Ruine, denn einem Wohnhaus glich, war eine komplette Kernsanierung notwendig. Vom Einbau einer neuen Heizungsanlage, der Elektroverteilung und der sanitären Einrichtungen bis hin zum Verlegen der Fliesen und des Dielenfußbodens, wurde alles in Eigeninitiative gefertigt. 

Tausende freiwillige Arbeitsstunden stecken inzwischen in der nunmehr als Bürgerhaus bekannten Villa. Dank fachkundiger Mitglieder blieben dem Verein die klassischen Baunebenkosten wie Bauplanung und Bauleitung erspart.

Am 28. Mai 2005 wurde unter großem Interesse der Mitglieder, Anwohner und der Politiker der Stadt Falkensee eröffnet. Ein Hufeisen, das das Glück ins Haus bringen soll, wurde an der Veranda aufgehängt. Am 15. Juni des Jahres gab es die erste Kleinkunstveranstaltung. Schauspieler Günter Barton eröffnete den Reigen der Künstler, die das Bürgerhaus zu einem zentralen Punkt für Kunstliebhaber macht. Durch Künstler wie Marili Machado (Kulturbotschafterin Argentiniens) und Gitarristin Vicki Genfan bekommt das Haus internationales Flair. Doch die Kunstveranstaltungen sind nur die eine Seite. Das Bürgerhaus Finkenkrug  ist ein lebendiges Haus. Vielfältige Kurse für Jung und Alt wie Theater, Yoga und Französisch werden angeboten. Nicht zuletzt ist das Bürgerhaus Treffpunkt für die Mitglieder des Bürgervereins. Seit Beginn der Kulturveranstaltungen betreibt der Verein – ebenfalls ehrenamtlich betreut – eine eigene Website, die das aktuelle Veranstaltungsprogramm im Bürgerhaus und die sonstigen Vereinsaktivitäten aktuell begleitet.

Durch die Unterstützung der Stadt Falkensee und die fleißigen Spendenaktionen der Mitglieder konnte 2008 die Sanierung des Dachgeschosses in Angriff genommen werden. Nach der offiziellen Fertigstellung des Dachgeschosses im Sommer 2013 verfügt das Bürgerhaus über zwei Veranstaltungsräume von 43 und ca. 60 m².

 

Aktuell

Nach mehr als zehn Jahren bürgerschaftlichen Engagements sind der Verein und sein Zentrum, das Bürgerhaus, zu einem wichtigen Glied im sozialen Leben Finkenkrugs gereift. Doch Erfolg hat seinen Preis. Die vielfältigen Aufgaben, insbesondere die Bewirtschaftung des Bürgerhauses allein mit freiwilligen Kräften, bringt die aktiven Mitglieder, die gewöhnlich auch Familie, Beruf und Haus haben, an ihre Grenzen. In einem nächsten Schritt will der Bürgerverein seine Arbeit ein Stück weiter professionalisieren. Eine Teilzeitkraft auf Minijob-Basis soll regelmäßig anfallende Aufgaben im Rahmen der Raumvergabe, der Mieter-Kontrolle und allgemeinen Bewirtschaftung des Bürgerhauses übernehmen. Für die Vereinsmitglieder wird dennoch keine Langeweile aufkommen. Der Vorstand hat bereits den Umbau der angrenzenden Garage zu einem Proberaum für Bands und einer vom Garten aus zugänglichen Unterstellmöglichkeit ins Visier genommen. Nicht zuletzt verfolgt der Verein noch immer die Idee einer Bürgerstiftung, um den Bekanntheitsgrad und das Spendenaufkommen zu erhöhen.

 

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